Ein Pakt, der die Stadt ihr wertvollstes Bauwerk kostete
Keine Aachener Sage ist so bekannt, keine so oft erzählt wie die Dombausage. Sie handelt von einem Handel mit dem Teufel, einer listigen Täuschung – und einem steinernen Beweisstück, das noch heute jeder Besucher des Aachener Doms mit eigenen Augen sehen kann. Wer diese Geschichte kennt, blickt nie wieder unbefangen auf das Hauptportal des Doms.
Die Not der Ratsherren
Der Sage nach stand die junge Stadt Aachen vor einem gewaltigen Problem: Der Bau des prächtigen Doms, den sich die Bürger und ihre Ratsherren so sehr wünschten, verschlang mehr Geld, als die Stadtkasse hergab. Die Arbeiten drohten ins Stocken zu geraten, der Traum von einem Gotteshaus, das der ganzen Christenheit zur Ehre gereichen sollte, schien zu scheitern.
In ihrer Verzweiflung wandten sich die Ratsherren an eine Macht, an die man sich eigentlich nicht wenden sollte: den Teufel selbst.
Der Handel
Der Teufel erschien den Ratsherren und unterbreitete ihnen ein verlockendes Angebot: Er werde den Bau des Doms mit allem nötigen Gold finanzieren – doch als Gegenleistung verlangte er die Seele desjenigen, der als Erster durch das fertige Portal in den Dom hineinschreiten würde.
Die Ratsherren, geblendet vom Gedanken an den fertigen Dom und in der Annahme, dass natürlich ein ehrwürdiger Bischof oder ein verdienter Bürger als Erster eintreten würde, willigten ein. Der Pakt war geschlossen, das Gold floss, und der Dom wuchs in ungeahnter Geschwindigkeit seiner Vollendung entgegen.
Die List der Aachener
Erst als der Bau fast abgeschlossen war, dämmerte den Ratsherren die volle Tragweite ihres Handels: Sie hatten dem Teufel nicht irgendeine Seele versprochen – sie hatten die Seele eines Menschen verpfändet, möglicherweise die eigene. Der Schrecken war groß, doch die findigen Aachener ersannen einen Ausweg.
Am Tag der feierlichen Öffnung ließen sie nicht, wie erwartet, einen Menschen zuerst durch das Portal treten – sondern trieben einen hungrigen Wolf hinein, der gierig durch die geöffnete Tür stürmte.
Nach einer weiteren Überlieferung war es statt eines Wolfs eine zum Tode verurteilte Frau, deren Seele der Teufel ohnehin schon erhalten hätte – so oder so ging der Teufel seines erhofften Lohns verlustig.
Der Teufelsdaumen
Als der Teufel begriff, dass man ihn hintergangen hatte, packte ihn maßlose Wut. Mit aller Kraft schlug er die schwere Domtür zu – so heftig, dass der Türring bis heute einen sichtbaren Riss trägt.
Der Legende nach blieb dabei sogar der Daumen des Teufels im metallenen Türgriff stecken und ist bis heute dort zu erkennen: der berühmte „Teufelsdaumen“ am Hauptportal des Aachener Doms.
Bei jeder Domführung wird Besuchern diese Stelle gezeigt – ein winziges Detail an einer der ältesten erhaltenen Bronzetüren nördlich der Alpen, das eine der großen Geschichten der Stadt in Metall gegossen bewahrt.
Zwei Skelette zur Domweihe
Auch die anschließende Domweihe hält der Sagenschatz für uns bereit. Zur feierlichen Einweihung sollten der Überlieferung nach 365 Bischöfe anreisen, um dem Dom die höchste kirchliche Würde zu verleihen. Doch am Vorabend der Zeremonie waren erst 363 eingetroffen – zwei fehlten zur runden Zahl.
Damit die Weihe dennoch in voller Pracht stattfinden konnte, ließ Gott zwei bereits verstorbene Bischöfe aus dem nahen Maastricht kurzerhand wiederauferstehen. Als klappernde Skelette sollen sie sich auf den Weg nach Aachen gemacht haben – und ihr Klappern gab einer kleinen Gasse in der Altstadt bis heute ihren Namen: die Klappergasse.
Eine Geschichte, die weiterlebt
Die Dombausage ist mehr als eine unterhaltsame Anekdote – sie ist der Ausgangspunkt eines ganzen Sagenkreises rund um den Aachener Dom. Der gedemütigte Teufel taucht in der direkten Fortsetzung, der Lousbergsage, erneut auf, um sich an der Stadt zu rächen.
Wer heute vor dem Hauptportal des Doms steht und den Teufelsdaumen sucht, steht damit an einem Ort, an dem sich reale Architektur und jahrhundertealte Erzähltradition auf einzigartige Weise berühren.
Mehr Aachener Sagen gibt es in der Übersicht Aachener Sagen und Legenden.






